Die Cranach-Tafeln 2003


Lothar Rumold: Die Cranach-Tafeln, 2003, Eiche, je 190 x 70 cm, Preis auf Anfrage

Wie buchstabiert man Mensch? Bei meinen Adam-und-Eva-Tafeln nach Lukas Cranach habe ich diese Frage wörtlich genommen und Buchstabe für Buchstabe beantwortet. Denn der Text, in den die Silhouetten der Figuren eingebettet sind, zeigt einen Ausschnitt aus dem genetischen Code in Buchstabentranskription. Lukas Cranach d. Ä. konnte sich vor 500 Jahren noch ein Bild vom Menschen machen, indem er ein solches malte – genauer gesagt: indem er ein Doppelporträt des Menschen als Mann und Frau schuf (auch nach Peter Sloterdijk, sein Sphären-Werk las ich um 2003 herum, ist der Mensch bipolar zu denken). Heute meint man mit dem biochemischen Subtext der Aminosäureketten eine noch genauere, wissenschaftlich exakte Darstellung gefunden zu haben. Der Mensch wird in dieser Lesart, anders als in der von Platon, Lukas Cranach und Peter Sloterdijk, wieder zur monologischen Veranstaltung: Um die Einheit von und die Differenz zwischen Frau und Mann darzustellen, braucht es keine zwei Bilder mehr, es genügen ein paar Buchstaben im Kotext zweier Klammern, eines Schrägstrichs oder eines Gender-Sternchens. Daher ist es durchaus plausibel („zeitgemäß“), dass in meinen Nach-Bildern der Unterschied zwischen Adam und Eva viel weniger deutlich wird als in Cranachs Vor-Bildern. Verbirgt sich hinter der heute postulierten und gefeierten Vielfalt (nicht zuletzt auch der der „Geschlechter“) demnach eine Tendenz zur multipolaren Homogenisierung und unbunten Verblassung?

P. S.: Die im Text verwendeten Buchstaben (es sind die des lateinischen Alphabets unter Ausnahme von B, J, O, U, X und Z) stehen jeweils für eine bestimmt Aminosäure, so steht zum Beispiel das Y für Tyrosin. Wie man DNS-Sequenzen in Aminosäuren und diese wieder in DNS-Sequenzen übersetzt, erfährt man hier – es ist kinderleicht.

Lukas Cranach d. Ä.: Adam und Eva, um 1530, Öl auf Holz,
je 190,5 x 69,9 cm (Norton Simon Museum, Pasadena, USA)

Mein Doppel-Relief nach Lukas Cranach reduziert die Porträts von Adam und Eva (ich bitte um Verzeihung, aber das ist die von der Bibel vorgegebene Reihenfolge), auf deren Umrisslinien. Wilhelm Worringer erkannte in seiner Dissertations-Schrift Abstraktion und Einfühlung (1908 – ein schmaler Band, dessen Lektüre man nicht eindringlich genug empfehlen kann) im Nachzeichnen der Umrisslinie, „die die ununterbrochene stoffliche Einheit des Objektes ausdrückt[…]“, eine Art Grundoperation des Abstrahierens, die schon und gerade in der orientalischen Kunst des Alten Ägyptens beherrscht wurde. Über die geometrische Abstraktion, zu der die Ägypter nach Worringer „instinktiv“ neigten, schreibt der Sechsundzwanzigjährige:

„Wir rekapitulieren: der Urkunsttrieb hat mit der Wiedergabe der Natur nichts zu tun. Er sucht nach reiner Abstraktion als der einzigen Ausruh-Möglichkeit innerhalb der Verworrenheit und Unklarheit des Weltbildes und schafft mit instinktiver Notwendigkeit aus sich heraus die geometrische Abstraktion. Sie ist der vollendete und dem Menschen einzig denkbare Ausdruck der Emanzipation von aller Zufälligkeit und Zeitlichkeit des Weltbildes. Dann aber drängt es ihn, auch das einzelne Ding der Außenwelt, das sein Interesse in hervorragendem Maße in Anspruch nimmt, aus seinem unklaren und verwirrenden Zusammenhang mit der Außenwelt und damit aus dem Lauf des Geschehens herauszureißen und es in der Wiedergabe seiner stofflichen Individualität zu nähern, es zu reinigen von allem, was Leben und Zeitlichkeit an ihm ist, es nach Möglichkeit unabhängig zu machen sowohl von der umgebenden Außenwelt als auch von dem Subjekt des Beschauers, der in ihm nicht das Verwandt-Lebendige genießen will, sondern die Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, in der er mit seiner Lebensgebundenheit als in der von ihm ersehnten und allein zugänglichen Abstraktion ausruhen kann.“ (S. 81 f.)

Das heißt, nebenbei bemerkt, dass wir es schon dort, wo wir ein einzelnes Ding der Außenwelt aus seinem Zusammenhang mit der Umgebung lösen „und es in der Wiedergabe seiner stofflichen Individualität […] nähern“, bereits mit Abstraktion zu tun haben, auch wenn wir im weiteren darauf verzichten, es „von allem, was Leben und Zeitlichkeit an ihm ist“ zu „reinigen“, sondern womöglich seine Lebendigkeit sogar noch betonen. Hat Cranach mit seinem Doppelporträt des Menschen demnach ein abstraktes Bild gemalt? Wenn man Worringer folgt, kann man diese Frage jedenfalls nicht mit einem klaren Nein beantworten. Die Betonung des Einzelnen bedeutet Analyse und Dekontextualisierung und schon mit dieser begibt man sich auf den Weg der Abstraktion, der von den Ägyptern noch unbewusst-instinktiv, von vielen Malern des beginnenden 20. Jahrhundert dagegen im Bewusstsein ihres Tuns und Lassens eingeschlagen worden ist.

Drei Jahre nach meiner Umriss-Anleihe bei Lukas Cranach (genau gesagt am 2. und 3.9.2006) entstanden an einem Strand der griechischen Insel Samos diese beiden linearen Umriss-Kompositionen mit Kaffeeflecken. In gewisser Weise handelt es sich auch bei ihnen um das Doppel-Porträt eines Paars, eines zukünftigen Ehepaares noch dazu, das kurz zuvor in die erste gemeinsame Wohnung eingezogen war. Die Bilder sind nicht in der Ausstellung zu sehen, sondern hängen an ihrem angestammten Platz rechts neben unserem Küchentisch. Bitte in eines der Bilder klicken: